Ist das Kunst, oder kann das weg? – Teil 2

Die Welt vieler Klassikliebhaber ist klar umrissen. Es gibt die „alte Musik“, dann folgt die viel geschätzte „Wiener Klassik“. Danach kommen dann noch die Romantik und die Spätromantik, die auch noch von den meisten Klassikfreunden mehr oder weniger zu „ihrer“ Klassik gezählt werden. Und dann? Nun, danach kommt die „neue Musik“ oder eben einfach nur „atonaler Krach“, wie viele sagen.

Zwar nimmt die Schaffenszeit aus denen solche Musikliebhaber durch diese durchaus wertende Einteilung schöpfen durchaus knappe zweihundert Jahre ein, viel Zeit für kreative, musikalische Kleinode also, jedoch scheint diese edle Welt der Klassik trotzdem eine eher Kleine zu sein. Ähnlich der in der modernen Radiowelt berühmt-berüchtigten „Heavy Rotation“ werden in der Klangwelt dieser scheinbar elitären Gesellschaft musischer Liebhaber oftmals irgendwie immer die gleichen „großen Meister“ und von diesen wiederum seltsamerweise auch genauso oftmals immer dieselben Werke eingespielt oder aufgeführt.

Andere Komponisten oder auch Werke ansonsten geschätzter Meister werden dann allzu oft als „nicht schlecht, aber doch eher zweitrangig (wenn nicht gar -klassig)“ abgetan. Auch über Versuche den tot-gespielen immer gleichen Meisterwerken durch etwas andere Interpretationen neue Seiten abzugewinnen wird die Nase gerümpft. Es ist daher kein Wunder, dass Künstler die in diesem Genre zuhause sind immer und immer wieder versuchen aus diesem Korsett auszubrechen, nicht selten begleitet von den spöttischen Kommentaren der selbsternannten Musikkenner.

Mag das bei Ausflügen klassischer Künstler in die kontemporär populäre U-Musik noch verständlich sein, schließlich riecht das dann ja auch jedes Mal nach einem Überlaufen zum „Klassenfeind“, ist die negative Wertung jenseits eines verständlichen „gefällt mir jetzt nicht so“ bei Einbeziehung von Werken zeitgenössischer Komponisten für mich nicht wirklich nachvollziehbar. Wenn beispielsweise ein Kritiker über die Veröffentlichung einer Violinistin schreibt, die darin gespielten Werke klassischer Künstler seien das „seriöse Feigenblatt“ des ansonsten als „seicht“ empfundenen Albums, welches auch Werke zeitgenössischer Komponisten enthält, dann hat das für mich ein Oeuvre von „alles jenseits der alten Meister ist eher unseriös“ oder zumindest nicht wirklich ernsthaft.

Die so kritisierte Violinistin brachte bei einem Interview mit „Klassik Radio“ auf den Punkt, was meiner Meinung nach eigentlich selbstverständlich sein sollte. Es sei alles Musik, sagte sie und sie halte sehr wenig davon Musik in verschiedene „Boxen zu legen“ (bzw. „Schubladen zu stecken“).

Moment! Klar ist grundsätzlich alles Musik aber dieser Ansatz würde, wenn man ihn konsequent anwendet, jede Art Musik auf eine Stufe stellen. E-Musik genauso wie U-Musik, was ich persönlich absolut begrüße, aber auch Musik mit so etwas wie künstlerischem Anspruch und Musik die einen solchen Anspruch nicht hat, beispielsweise solche die in erster Linie kommerzielle Ziele verfolgt oder einfach nur als Tanzmusik Freude verbreiten möchte. Kann Musik mit solch unterschiedlichen Ausrichtungen wirklich gleichwertig sein?

Die Antwort gab, zumindest für meinen Geschmack, die Pianistin Olga Scheps. Sie hat ein Album veröffentlich, in dem sie die Werke der Elektro-Dance-Band Scooter entkernt hat und mit aller einer klassischen Künstlerin zu Gebote stehenden Ernsthaftigkeit am Piano darbietet. Und was im ersten Augenblick unmöglich klingt, zeigt mir persönlich eines glasklar: Es ist alles Musik!

Ist das Kunst, oder kann das weg? – Teil 1

Als Beuys‘ Kunstinstallation „Fettecke“ in den Achzigern als Schmutz verkannt und vom Hausmeister der Kunstakademie Düsseldorf entfernt wurde, stellte die Presse diese Frage. Sie zieht ironisch die Ernsthaftigkeit von Kunst im Allgemeinen und unser Kunstverständnis im Speziellen in Frage. Was ist Kunst eigentlich? Was macht Kunst aus? Was ist das Wesen von Kunst? Was macht Dinge zu Kunst?

Wann ist es ein Schnappschuss und wann ist es Kunst? Gerade in Deutschland herrscht oftmals die Meinung vor, Kunst müsse zwanghaft etwas Intellektuelles haben, eine höhere Ebene, welche sie vom Profanen abhebt. Besonders deutlich wird das in der Einordnung von Musik in „E“ und „U“. Eine Diskussion, die wohl nirgendwo so verbissen geführt wird wie in Deutschland. Das eine ist ernsthaft, seriös – Kunst eben. Das Andere eben „nur“ Unterhaltung, wobei im Unterton immer ein Hauch von Minderwertigkeit mitschwingt.

Interessant, dass diese Einteilung historisch gesehen von den Verwertungsgesellschaften getroffen wurde, die für die Verteilung der Tantiemen verantwortlich waren (und sind). E-Musik erschien ihnen fördernswerter, was die gesamte Einteilung eigentlich ja wieder auf das Niveau des schnöden Mammons herunterbricht.

Aber warum darf E-Musik nicht unterhalten? Sind weite Teile der E-Musik nicht eigentlich die Unterhaltungs- und Tanzmusik ihrer Zeit? Was macht eine Operette von Strauß zur E-Musik? Hatte Tschaikowsky recht, wenn er seiner Ouvertüre solennelle „1812“ op. 49 als Auftragskomposition jeglichen künstlerischen Wert absprach und wenn ja, warum wird sie dann zur E-Musik gezählt?

Warum wird einem anspruchsvollen Werk moderner Rock- oder Popmusik durch die Einteilung in die Schublade „U“-Musik jeglicher künstlerischer Wert abgesprochen? Was ist der Sinn davon, solche Musik als reine Unterhaltung abzutun? Weshalb hören wir überhaupt Musik, wenn nicht zur Unterhaltung?

Einige Philosophen messen Kunst daran, ob sie uns eine ästhetische Erfahrung bietet, ein Dreiklang von Intellektuellem, Praktischem und Emotionalem. John Dewey beispielsweise sagt, dass das Emotionale Teile zu einem einmaligen Ganzen zusammenfüge, das Intellektuelle ihm Bedeutung gäbe und das Praktische eine Beziehung zur realen Welt böte. Das würde quasi bedeuten, dass man mit dem Künstler in Kommunikation tritt, weil man mit seinem Werk eine eigene Erfahrung macht, Emotionen heraufbeschwört, die einmalig sind, weil sie im Grunde aus bereits Erlebtem resultieren.

Und eigentlich ist das auch der Grund, warum sich über Kunst trefflich streiten lässt und mehr oder weniger Geschmacksache ist. Entweder ein Werk weckt Emotionen in mir, oder nicht. Entweder ich finde Zugang, oder ich finde keinen. Und da all das eigene Erfahrungen voraussetzt, wir als Individuen gar einmalig sind was unsere Erfahrungen angeht, empfindet jeder anders – urteilt jeder anders über Kunst im Allgemeinen und Musik im Speziellen.

Dazu muss man aber zunächst einmal loslassen können, den kleinen Bürokraten im Kopf abstellen können, der ständig kategorisieren möchte. Manches muss man nicht verstehen, man kann sich einfach darauf einlassen und sich davon überwältigen lassen. Dann wird man bemerken, dass es wirklich nur zwei Arten Kunst gibt: Solche die man mag und solche die man nicht mag.